Rudolf Steiner (1861 - 1925)
Rudolf Steiner, zunächst als Goetheforscher, Philosoph, Schriftsteller und Literaturkritiker in Fachkreisen geschätzt, später als Begründer der Anthroposophie, Schulgründer, Künstler und Sozialreformer weltweit bekannt geworden, hat zumeist quer zu den Denkgewohnheiten seiner Zeit immer wieder Bestehendes auf den Kopf und Zukünftiges auf die Beine gestellt. Sein Lebensgang ist erfüllt von innerer Dynamik und zeigt eine beispielslose Schaffenskraft. Mit äusserster Intensität arbeitete er im Zeitalter des Materialismus für ein neue Weltanschauung, in der der Zusammenhang von Mensch und Kosmos wieder in den Mittelpunkt des Bewusstseins gerückt wird.
In der Weihnachtszeit 1923/24 bildet Rudolf Steiner die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft neu, nachdem er vorher in vielen Ländern anthroposophische Landesgesellschaften mitbegründet hatte, darunter auch die Anthroposophische Gesellschaft in der Schweiz. Als Kerngebilde fügt Rudolf Steiner der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft die «Freie Hochschule für Geisteswissenschaft» ein.
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Anthroposophie – einige wenige Stichworte
Der nachfolgende Text ist eine gekürzte und bearbeitete Fassung der Darstellung von Fritz P. Haas (www.praxis-dreiklang.ch)
Rudolf Steiner hat die Anthroposophie folgendermassen umschrieben:
Man könnte es auch so formulieren:
Die anthroposophische Geisteswissenschaft erforscht die geistige Welt wie andere Forscher ihr wissenschaftliches Gebiet erforschen.
Wie für jede ernsthafte Forschung gilt auch hier: nüchternes Erforschen einer Fragestellung, überprüfen der Ergebnisse und die absolut freilassende Haltung. Darum fehlt in der Anthroposophie Rudolf Steiners jeglicher Dogmatismus.
Damit ist auch gesagt, dass Anthroposophie kein Glaubensbekenntnis, keine Religionsgemeinschaft (Sekte) und kein Religionsersatz ist. Unter den Mitgliedern sind alle Weltreligionen vertreten.
In der anthroposophischen Gesellschaft ist jeder Mensch, gleich welcher Religion, Rasse, Bildung, sozialen Stellung, usw. willkommen. Einzige Voraussetzung für die Aufnahme ist, dass die Anthroposophie sowie die Freie Hochschule am Goetheanum als etwas Berechtigtes anerkannt wird.
Anthroposophie hat wie jede Wissenschaft drei Bereiche:
- Anthroposophie als wissenschaftliche Disziplin. Die von Rudolf Steiner begründete naturwissenschaftliche Methode zur Erforschung der übersinnlichen Welt. Anthroposophie ist eine beschreibende Wissenschaft, die sich zur geistigen Welt so verhält wie die Naturwissenschaft zur Sinneswelt.
- Die Ergebnisse dieser Forschung können von jedem Menschen so entgegen genommen werden, wie die Forschungsergebnisse irgendeines Fachgebietes: Bei Vorträgen „für jedermann“ sind dabei keine Voraussetzungen nötig, bei einem eigentlichen Studium sind Grundlagenkenntnisse Voraussetzung für das Verständnis. Die Forschungsergebnisse der Anthroposophie ergänzen und erweitern die „herkömmliche“ Forschung (z. B. über die sinnlich nicht wahrnehmbaren Aspekten des Menschen, die Ergebnisse über die Evolution, vom Wirken geistiger Wesen; oder die Frage: Wer ist der Christus?
- Die Anwendung von Ergebnissen der geisteswissenschaftlichen Forschung im praktischen Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft. Sie sind heute in fast allen Bereichen zu finden, beispielsweise in der Pädagogik, Heilpädagogik, Medizin, Pharmazie, Landwirtschaft, Ernährung, Kunst oder Architektur.
Der Mensch – Bürger von vier Seins-Ebenen
Wenn ein Mensch sich unbefangen betrachtet, kann er vier Seins-Ebenen finden:
- Der eigene Körper (Physischer Leib). Er ist materieller Stoff wie alles in der Sinneswelt. Der Körper ist der Träger aller stofflichen (physikalischen/chemischen) Prozesse in uns. Aber würde nur der Körper den Menschen ausmachen, so wäre er leblos wie das Mineralische.
- Der Träger des Lebens im Menschen (Lebens-Leib) des Lebens und seiner Tätigkeiten (hauptsächlich Ernährung, Wachstum, wahrnehmen. Es ist von übersinnlicher Beschaffenheit.
Würde jedoch nur ein belebter Körper den Menschen ausmachen, dann wäre er eine Pflanze. Der Aetherleib hat viel mit der Funktion unseres Gedächtnisses zu tun. Die Fähigkeit, sich an etwas zu erinnern oder nicht, hängt bekanntlich stark mit Frische oder des Aetherleibes. - Der Träger des Bewusstseins und seiner Erlebnisse (Astralleib). Auf Grund der Eindrücke aus der Welt hat der Mensch „innere “ Erlebnisse. Der Träger des Bewusstseins, Seele genannt, geht erst recht über die Fähigkeit der Sinne zur Wahrnehmung hinaus. Würde ausmachen, dann wäre er ein Tier.
- Erst das vierte Wesensglied (das ‚ICH’) erhebt den Menschen über die drei Reiche der Natur, die er alle auch in sich birgt. Er ist fähig, die Welt zu erkennen, vor allem als ein zusammenhängendes, sinnvolles Ganzes; und er kann in diese Welt frei und schöpferisch eingreifen. Das sind Äusserungen seiner Individualität, der ihm innewohnende Geist.
Die drei übersinnlichen Wesensglieder betätigen sich alle am und im physischen Leib. Wenn ihr Zusammenwirken harmonisch ist, nennen wir das Gesundheit.
Anthroposophie kennen lernen
An vielen Orten werden sporadisch oder regelmässig Vorträge oder Kurse zur Einführung angeboten.
Natürlich gibt es auch reichhaltige Literatur von Rudolf Steiner selbst oder anderen, die gut zum selbständigen Einstieg. Je nach Interessenlage bieten sich dabei verschiedene Einstiegspunkte an. Die vier für den Einstieg am häufigsten benutzten Bücher Rudolf Steiners sind.
- „Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung“ (1904). GA 9.
- „Die Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung. Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode" (1894).
- "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" (1904). GA 10.
- „Die Geheimwissenschaft im Umriss" (1910). GA 13.
Der Begründer der Anthroposophie: Rudolf Steiner (1861 - 1925)
Rudolf Steiner wurde im österreichisch-ungarischen Grenzgebiet geboren. Er absolvierte zunächst ein Studium an der Technischen Hochschule in Wien, gab später den naturwissenschaftlichen Teil der Goethe-Gesamtausgabe in Weimar heraus und promovierte schliesslich in Philosophie in Rostock (Deutschland). Er war von Kind an hellsichtig. Schon früh begann er mit systematischer Erforschung der ihm einsichtigen „übersinnlichen“ Welten und Wesenheiten.
Nach Jahren als Generalsekretär der Deutschen Theosophischen Gesellschaft, von der er sich aus grundsätzlichen Überlegungen trennte, begründete er 1913 die Anthroposophische Gesellschaft, deren Sitz sich im so genannten „Goetheanum“ in Dornach bei Basel befindet. Dort werden auf der grossen öffentlichen Bühne von Zeit zu Zeit die vier Mysteriendramen Rudolf Steiners und das ganze Faust-Drama (beide Teile) von Johann Wolfgang Goethe aufgeführt. Das Goetheanum beherbergt auch die Sektionen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft.
Rudolf Steiner war einer der grossen Universalgelehrten und Geisteslehrer. Von ihm erhalten ist sein schriftliches Werk und die meisten seiner mitstenografierten Vorträge (rund 300 Bände). Er hat viele Impulse zu den unterschiedlichsten Lebensgebieten gegeben. Anlass dazu war in der Regel die Frage eines Menschen an ihn. Viele der Anregungen sind auch heute noch immer nicht aufgearbeitet. Eine Zusammenstellung der heutigen Anwendungsgebiete findet sich weiter unten.
